30 Prozent der Schweizer Aktien haben ihre Marktkapitalisierung in den letzten zehn Jahren halbiert
Zu meinen aufschlussreichsten Begegnungen in jüngster Zeit zählt mein Gespräch mit Simon Götschmann – geführt am Dienstag, 16.09.2025 in den Räumlichkeiten der MRB Fund Partners AG an der Zürcher Fraumünsterstrasse.
Das Gespräch bot spannende und teils unerwartete Einblicke in den Schweizer Aktienmarkt. Besonders für hiesige Anlegerinnen und Anleger, die stark auf ETFs setzen, offenbart sich ein oftmals unterschätzter Handlungsbedarf. Ich empfehle allen Brancheninteressierten, die Antworten von Simon aufmerksam zu lesen – sie liefern wertvolle Perspektiven und Denkanstösse. Thomas J. Caduff, CEO, Fundplat GmbH
• Caduff: Herr Götschmann, Sie gelten als ausgewiesener Kenner des Schweizer Aktienmarktes. Wie kam es zu dieser Spezialisierung?
Götschmann: Ich will die Rolle des Zufalls nicht unterschätzen. Es hätte auch anders kommen können. Meine beruflichen Stationen beinhalteten auch schon Anlageberatung auf britische Stromkonzerne oder US-Techfirmen. Die Dynamik der Aktienmärkte und der zugrunde liegenden Unternehmen faszinierten mich schon immer. Irgendwann habe ich mir gesagt, weshalb in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Der Schweizer Aktienmarkt sucht weltweit seinesgleichen. Die Dichte an qualitativ hochwertigen, global tätigen Unternehmen mit überdurchschnittlich hohen Margen und Dividendenrenditen ist einzigartig. Ein stabiles politisches Umfeld, hohe Innovationskraft und der starke Schweizer Franken bieten Anlegern attraktive Rahmenbedingungen.
• Caduff: Die Performance des von Ihnen verwalteten Fonds und der Mandate ist kontinuierlich stark – gibt es Prinzipien oder Strategien, die sich in Ihrer Anlagestrategie besonders bewährt haben?
Im Fussballjargon würde man sagen: Wir erhöhen die Trefferwahrscheinlichkeit, indem wir einfach ein grösseres Tor hinstellen.
Simon Götschmann
Götschmann: Die «130/30»-Strategie kann mit einem Teil des Portfolios von fallenden Kursen profitieren. Im Gegensatz zu den Schweizer Long-Only- Aktienfonds ist das ein substantieller Vorteil. 30 Prozent der Schweizer Aktien haben ihre Marktkapitalisierung in den letzten zehn Jahren halbiert, ein beträchtliches Renditepotenzial, das von traditionellen Long-Only-Fonds nicht genutzt werden kann. Im Fussballjargon würde man sagen: Wir erhöhen die Trefferwahrscheinlichkeit, indem wir einfach ein grösseres Tor hinstellen. Der Anlageprozess hat sich ebenfalls bewährt. Der Fokus bei der Titelselektion liegt sehr stark auf der Fähigkeit von Unternehmen, freie Mittel – sogenannte Free Cashflows – über verschiedene Konjunkturzyklen hinweg zu generieren. Die Auswahl basiert einerseits quantitativ auf einer über die letzten zehn Jahren entwickelten Datenbank. Diese besitzt mehrere Millionen Datenpunkte. Dabei setzen wir auch auf die Unterstützung Künstlicher Intelligenz. Andererseits ist qualitativ im Anlageprozess die Nähe zu den Unternehmenslenkern ein Vorteil. Nichts ersetzt das tägliche Gespräch mit den Entscheidungsträgern der Firmen.
• Caduff: Angesichts der Vielzahl von ETFs auf Schweizer Aktien – wo sehen Sie heute noch den Spielraum für aktives Management mit Ihrem Researchansatz?
Götschmann: Wenn Sie im Supermarkt einkaufen gehen, kaufen Sie jeweils das ganze Sortiment an Waren? Wohl nicht. Eher schauen Sie beim Kaufen von Früchten, dass kein fauler Apfel dabei ist, oder? Aus demselben Grund bin ich ein Verfechter von aktivem Management. Ausserdem: Die Schweizer Aktienindizes SMI und SPI sind dominiert von den Index-Schwergewichten Novartis, Nestlé und Roche. Mit anderen Worten: Sie kaufen zu mehr als der Hälfte drei Titel. Die Diversifikation ist ungenügend. Das titel- und sektorspezifische Risiko ist entsprechend erheblich. Wohin das führen kann, mussten dieses Jahr die vermeintlich passiven ETF-Anleger schmerzlichst erfahren.



