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1. «Experten-Roundtable» in Zürich am 20.08.2018

Drei Fonds-Profis reden über Informationsflut, «long-short» und Nachhaltige Geldanlagen

Caduff: Meine Herren, das Börsenumfeld ist aktuell sehr anspruchsvoll. Wie erleben Sie das im Tagesgeschäft?

Limacher: Seit Jahren erhalten wir eine Überdosis an «Bad News» - über die alten aber vor allem über die neuen Medien­kanäle. Auch wenn man sich daran gewöhnen kann, wird es immer schwieriger, in der Infor­ma­tions­flut die rele­vanten Dinge heraus­zufiltern. Diese «Triage» vorzu­nehmen ist einer der Mehr­werte, die wir als Asset Manager den Kunden bieten können. Die Welt­politik wird provo­kativer, was wiederum die Börsen­welt beeinflusst. Die Politik prägt aktuell die Finanz­märkte stärker als die funda­men­talen Daten, was das Tages­geschäft zu einer spannenden Heraus­for­derung macht. Hier besteht die Kunst darin, nicht in einen Hyper­akti­vismus zu verfallen.

Dr. Zurhorst: Das kann ich nur unter­schreiben. Wir haben zunehmend eine Fülle an Infor­mationen, gerade in Märkten, wo wir unter­wegs sind, also in Emerging Markets und Frontier Markets wie beispiels­weise Türkei und Russland. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass wir von einer «Infor­mation Pollution» reden können, das heisst: Wir haben teil­weise absichtlich gestreut Falsch­meldungen, etc. Und da nehme ich Ihren Punkt auf, da ist unsere Aufgabe als aktiver Manager, die Infor­mationen zu filtrieren und die entspre­chenden Handlungs­anwei­sungen zu geben. Ganz wichtig in unseren Märkten ist Ruhe zu bewahren und auf die Funda­mental­daten zu schauen.

Unsere Double-Short-Produkte werden von erfahrenen Kunden sehr angenommen. Marco A. Infuso

Infuso: Als Vertreter von ComStage, der ETF-Marke der Commerzbank, und damit eines passiven Hauses, stelle ich erfreut fest, dass wir gerade in so einem Umfeld erst recht Umsatz sehen. Wir sind einer der wenigen Anbieter, die beide Richtungen anbieten, sprich «long-only» genauso wie Short-ETFs. Denken Sie da beispiels­weise an mögliche Zins­steige­rungen auf der Euro-Seite oder an Zins­steige­rungen, die es schon gab auf der ame­rika­nischen Seite. So haben wir Double-Short-ETFs im Einsatz, die Kunden mit entspre­chender Vorbildung sehr gut annehmen. Daher kann ich abschliessend sagen, dass auf aktiver wie auch passiver Seite das derzei­tige Umfeld sicherlich das Inves­tieren fördert: Zum einen, weil es Kunden gibt, welche die aktive Hand schätzt, die einen Anleger durch den Dschungel führt. Zum anderen gibt es aber eben auch den Investor, der das lieber selber in die Hand nimmt und verschie­dene Szenarien abbilden möchte - mittels kosten­günstigen, transpa­renten und UCITS-geschützten ETFs.

Caduff: Was sind für Sie konkrete Highlights?

Infuso: Ich hätte viele Highlights anzu­führen, halte mich aber lieber kurz. Das Wichtigste vorweg, die Gebühren­senkung. Das ist nach wie vor ein Thema der Branche, und wir haben es bereits umgesetzt in diesem Jahr. Zum zweiten die Repli­kations­methode: Wir stellen immer dort von synthetisch auf physische Repli­kation um, wo es für den Kunden Sinn macht. Und dort, wo eben nur synthetisch sinnvoll ist oder möglich ist, haben wir mehrere Swap-Partner. Derzeit sind es vier an der Zahl. Last but not least: Wir haben unsere Vermö­gens­strategie-ETFs an der Schweizer Börse einge­führt. Diese Portfolio-ETFs zeichnen sich durch eine feste Asset Allo­cation aus, die je nach Kunden­bedarf unter­schiedlich ist und einmal im Jahr zurück­gesetzt, reba­lanciert wird. Das meinte ich mit einer kosten­güns­tigen und transpa­renten Anlage­strategie für den Investor, die ihm die eigene aktive Entscheidung abnimmt.

Wir sehen sehr viele Highlights in den Märkten Russland, Türkei und Polen. Dr. Peter Zurhorst

Dr. Zurhorst: Wir sind in Emerging Europe aktiv. Die liquiden Märkte sind Russland, Türkei und Polen. Wir haben sehr viele High­lights dort in den Märkten. Wichtig dabei ist einfach die Ruhe zu bewahren und sich zu fokussieren. Auch mit unserem Bottom-Up Stock-Picking Approach sehen wir hier Chancen. Wir sind beispiels­weise was die Lira in der Türkei anbelangt, in unseren UCITS-Fonds weit­gehend abge­sichert. Wir haben also ein geringes Währungs­risiko, was die türkische Währung angeht. Nach den UCITS-Regeln ist das möglich, sich entsprechend so aufzu­stellen. Wir verkaufen Aktien, die aus unserer Sicht gut gelaufen sind, zum Beispiel Turkish Airlines, und wir fokussieren uns auf Werte, die ein sehr hohes Dollar- und Euro-Exposure haben, sprich Hard Currencies, und da sehen wir viele Möglich­keiten.

Limacher: Für unsere Schweizer Vermögens­ver­waltungs­gesell­schaft mit der 23-jährigen Exper­tise im Bereich Nachhal­tiger Geld­anlagen ist eines der High­lights, dass wir mit unseren deutschen Kollegen nun so verzahnt sind, dass wir unsere ethische Anlage­strategie künftig umfang­reicher einsetzen und anbieten können. Die Akti­vitäten unseres Mutter­hauses sind dyna­mischer geworden. Mit Spannung sehe ich zum Beispiel der Imple­men­tierung einer digi­talen Wealth-Mana­gement-Lösung entgegen.

Caduff: In welche Richtung gehen in Ihrem Haus die meisten Kundenanfragen?

Dr. Zurhorst: Was passiert an den Märkten, was sind die Konse­quenzen für das Portfolio, warum und wann. Das ist es.

Nachhaltige Geldanlagen werden künftig stärker von politischen und regulatorischen Projekten befeuert. Roman Limacher

Limacher: Die Berücksichtigung von nachhal­tigen Kriterien hat für viele Anleger an Bedeutung gewonnen. Die Kunden sind immer besser infor­miert und in der Lage, im breiten Angebot zu diffe­ren­zieren. Kunden schätzen bei uns insbe­sondere unsere Transparenz im Rahmen der ethischen Bewer­tungen. Seitens des Mutter­hauses hat der Asset-Servicing-Bereich im laufenden Jahr bereits eine bedeu­tende Wachstums­rate ver­zeichnet, auch das Investment Banking hat seine führende Position im Small- und Mid-Cap-Bereich als Book­runner gefestigt.

Infuso: Die Grundfrage, die unser Haus erreicht, lautet: Sind ETFs im UCITS-Mantel gesichert? (Ja, definitiv, es handelt sich um Sonder­ver­mögen, wie in jedem anderen tradi­tio­nellen Fonds auch!). Sie kommt meistens von der Retail­seite, welche sich erst­mals mit der Thematik «ETF» beschäftigt. Weitere Fragen behandeln Themen bezüglich Invest­ment­möglich­keiten in Gold, Roh­stoffe, der Thematik «Bitcoin» bzw. «Block­chain» oder inwiefern man am stei­genden Zins­umfeld mittels ETFs parti­zi­pieren kann. Auch kommt häufiger der Wunsch nach Spar­plänen auf. In Deutschland verzeichnen wir sehr grosse Erfolge mit dieser Anspar­mög­lich­keit. Bei uns in der Schweiz sind ETF-Spar­pläne noch eher im Hinter­treffen. Nichts desto trotz, gibt es erste Anbieter, Namen kann man ja nicht nennen, die unsere Produkte bereits einsetzen zum konti­nuier­lichen Vermö­gens­aufbau.

Caduff: Wie können Sie diese bedienen?

Limacher: Wir setzen uns schon lange detailliert mit ethischen Kriterien im Anlage­prozess ausein­ander und bieten indi­vi­duelle Lösungen an. Die ent­schei­dende Frage ist oft, ob man auch heikle ESG-Themen argu­men­tieren kann. Unser eigenes Nach­haltig­keits-Research kann für unter­schied­liche Strategien eingesetzt werden. Das unab­hängige Ethik-Komitee gewähr­leistet fundierte Entschei­dungs­grund­lagen und hilft, das Anla­ge­uni­versum zu defi­nieren. Für die einen Kunden passt ein Indi­vidual­mandat, für andere ist eine kollek­tive Kapi­tal­anlage nütz­licher. Das Fonds-Consulting unserer Luxemburger Schwester­gesell­schaft Hauck & Aufhäuser Fund Services unter­stützt häufig bei der Findung der geeig­neten Struktur.

Dr. Zurhorst: Von meiner Seite ganz wichtig, besonders in schwierigen Zeit gilt immer, nicht den Kopf in den Sand stecken, immer für den Kunden da sein, erklären, was man macht und immer mehr sagen, warum man gewisse Dinge macht, auch wenn es negativ für den Investor ist.

Infuso: Wir nehmen die Ideen und Bedürf­nisse seitens der Kunden auf; kreieren neue Produkte bzw. gestalten diese nach Anleger­wunsch um. Beispiels­weise haben wir im Zuge der dies­jährigen Gesetzes­änderung in Deutschland alle ETFs von reinves­tierend auf ausschüttend umge­stellt. Oder nehmen wir das Beispiel «Roh­stoffe»: Ursprung dieses ETF war der Kunden­wunsch gleich­gewichtet in die Teil­bereiche Edel­metalle, Industrie­metalle, Öl und Gas zu inves­tieren und gleich­zeitig auf Agrar­roh­stoffe zu verzichten - mittler­weile ist der ETF auf über 400 Mio. Schweizer Franken gewachsen, und wir bieten ihn seit neuestem auch als abge­sicherte Version an der SIX an. Gerne knüpfe ich daher an meinen Vorredner an: Dem Kunden zuhören, proaktiv mögliche Verände­rungen vorweg­nehmen sowie umsetzen und gerade in turbu­lenteren Zeiten eine Extra­portion Service bieten - so lautet unser Erfolgs­rezept, welches wir in der DACH-Region übrigens seit nunmehr zehn Jahren anwenden.

Caduff: Wo setzen Sie bis Ende Jahr die Hauptakzente?

Infuso: Hauptakzente setzen wir weiterhin auf «erwei­tertem» Kunden­service: Grosse Worte, wie sie jeder verwendet, aber wir folgen auch mit Taten bzw. gezielten Ini­tiativen: Bei Retail­anlegern ist unser neuer WhatsApp-Dienst «CORA» sehr beliebt; hier werden wir weiter mit Funktio­nalität sowie Inhalt brillieren. Speziell auch auf unsere insti­tutio­nellen Inves­toren wird der Fokus geschärft: Die Commerzbank bietet mit dem «ETF & Passive Product Selection Service» neu eine anbieter­unab­hängige Index- und ETF-Selektion, die den gesamten passiven Invest­ment­prozess umfasst. Bank­eigene Events sowie solche in Zusammen­arbeit mit externen Anbietern runden unsere Haupt­akti­vitäten bis Jahres­ende ab - schauen Sie gerne bei uns vorbei, wir freuen uns auf Sie!

Limacher: Gemeinsam mit unserem neuen «PRIME VALUES»-Fonds­manager haben wir zur Jahres­mitte hin neue Akzente gesetzt und werden den Anlage­prozess weiter opti­mieren und neueste Erkennt­nisse einfliessen lassen. Auch die Bedürf­nisse nach «Impact Investments» werden immer grösser. Wir haben das Ziel, dieser Nachfrage gerecht zu werden. Zudem werden die Digi­tali­sierungs­projekte des Mutter­hauses neue attrak­tive Dienst­leistungs­angebote bringen.

Dr. Zurhorst: Ganz wichtig bis uns in den Märkten ist - wie erwähnt - die poli­tische Situation, die wir momentan genau beobachten in einem Markt wie die Türkei. Es gibt keinen direkten Handlungs­bedarf für uns, wir müssen es genau beobachten und dann Ausschau halten nach günstigen Kauf­gelegen­heiten. Das wird uns für den Rest des Jahres beschäf­tigen. Wir dürfen nicht vergessen, wenn man zum Beispiel den Banken­sektor anschaut, sowohl in der Türkei wie auch in Russland, reden wir über einen Buch­wert von 0,3 bis 0,4x. In Polen sind wir deutlich über 1x. Von unseren Ländern ganz zu schweigen. Wir sehen hier also einige Chancen, die sich ergeben. Gleichwohl muss man die poli­tische Situation abwarten.

Teilnehmende

Marco A. Infuso CAIA
Director, Head of Institutional Sales
ComStage ETFs Switzerland
Commerzbank AG
Utoquai 55
8034 Zürich

+41-44-563 69 86
E-Mail
Web

Marco A. Infuso ist zuständig für den Vertrieb von ComStage ETFs an institutionelle Kunden in der Schweiz. Zuvor sammelte er mehrjährige Erfahrung in leitender Funktion auf der aktiven Asset-Management-Seite bei den Häusern Pioneer Investments und Lombard Odier Investment Managers. Nach dem betriebswirtschaftlichen Studium in Mannheim startete er seine Karriere 1998 bei der DG Bank, heute DZ Bank in Frankfurt. In der Schweiz ist er seit 2003 beheimatet, anfangs in Genf und seit 2007 in Zürich.

Roman Limacher
Managing Director
Hauck & Aufhäuser (Schweiz) AG
Talstrasse 58
8001 Zürich

+41-44-220 11 22
E-Mail
Web

Roman Limacher, CIWM, verantwortet seit über zehn Jahren den Investment-Ethik-Prozess der traditionsreichen «PRIME VALUES»-Ethikfonds. Er betreut bei der Hauck & Aufhäuser (Schweiz) AG private und institutionelle Kunden mit Fokus auf nachhaltige Geldanlagen. Zuvor war er bei EY und bei einer Gesellschaft der heutigen SIX Group tätig.

Dr. Peter Zurhorst
Head of Distribution and Investor Relations
Mori Capital Management Ltd.
Regent House, Office 35
Bisazza Street
Sliema, SLM 1640
Malta

+49-899-400 3236
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Dr. Peter Zurhorst ist seit 2011 für Mori Capital Management bzw. deren Vorgängergesellschaft mit Sitz in München tätig. Nach Studium und Assistenz an der Universität St. Gallen ist er seit 25 Jahren in der internationalen Finanzindustrie tätig.

Moderator

Thomas J. Caduff
CEO
Fundplat GmbH
Badenerstrasse 144
8004 Zürich

+41-44-212 77 77
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Thomas J. Caduff ist CEO der Fundplat GmbH. Er ist seit über 30 Jahren in der Finanz­industrie tätig. Zu seinen beruf­lichen Stationen gehörten das Börsen­kommissariat des Kantons Zürich, die Bank Vontobel, die Credit Suisse und die UBS. Thomas J. Caduff diente ferner drei Jahr­zehnte lang in einer Division und mehreren Brigaden der Schweizer Armee als Kommunikations-/​Medienoffizier.

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