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Institutionalisierung statt Hype: Wohin sich Bitcoin & Co. entwickeln

Rino Borini
Founder
Scarossa GmbH, Zürich
+41-44-277 75 30 / E-Mail / Web

21.01.2026

Es war wieder einmal an der Zeit, Rino Borini – einen der bekanntesten Krypto-Experten der Schweiz – zu kontaktieren, um zu sehen, ob er Zeit für ein Interview hätte. Nun ist er gerade von seiner Asienreise zurückgekehrt, und ich hatte die Gelegenheit, mich ausführlich mit ihm zu unterhalten. Dabei sind zahlreiche spannende Einblicke entstanden, die aktuelle Trends aufzeigen und die Dynamik der Krypto-Welt verständlich machen.

Seine Antworten machen deutlich, worauf es derzeit in der Krypto-Welt ankommt, und bieten interessante Denkanstösse für alle, die sich näher mit dem Thema beschäftigen. Thomas J. Caduff, CEO, Fundplat GmbH

Herr Borini, der Krypto-Markt ist zuletzt deutlich ruhiger – ist das ein Zeichen dafür, dass er gereift ist?

Ja, der Markt wirkt derzeit ruhiger, zumindest aus Sicht vieler Anleger. An der Oberfläche sehen wir weniger Hype. Im Hintergrund hingegen passiert enorm viel. Die Branche arbeitet intensiver denn je an Infrastruktur, Produkten und neuen Anwendungsfeldern. Allein die Entwicklung im Bereich der Stablecoins ist enorm und hat selbst mich in diesem Tempo überrascht. Diese Dynamik ist ein klares Reifezeichen. Gleichzeitig darf man sich nichts vormachen: Bitcoin und andere Krypto-Assets sind trotz dieser Fortschritte noch vergleichsweise jung. Ich bin überzeugt, dass die nächsten zwei bis drei Jahre eine Reifephase bringen werden, wie wir sie bisher nicht gesehen haben. Was nach Ruhe aussieht, ist in Wahrheit eine Phase intensiver Vorbereitung.

Liegt die geringere Volatilität vor allem am stärkeren Engagement institutioneller Investoren und an der Nutzung von Derivaten wie Futures zur Absicherung?

Institutionelle Anleger sind ein wichtiger Treiber, das ist richtig. Inzwischen spielen alle grossen US-Namen im Kryptomarkt mit, auch diese, welche jahrelang Bitcoin & Co. ignorierten. Beispielsweise gab Vanguard kürzlich bekannt, dass Kunden neu Krypto-ETFs über ihre Plattform handeln dürfen. Die Entscheidung beendet eine im Januar 2024 eingeführte Blockade und gewährt nun über 50 Millionen Brokerage-Kunden Zugang zu regulierten Krypto-Produkten. Das ist ein wichtiger Treiber, aber nicht der einzige. Derivate haben zwei Gesichter: Einerseits ermöglichen sie, Risiken gezielt zu steuern. Das wirkt im Normalfall stabilisierend. Aber: Sie können Volatilität auch verstärken, wenn zu viel Hebel im System ist und Liquidationen Kaskaden auslösen. Genau das haben wir im Oktober 2025 erlebt. Das grösste Liquidationsereignis in der Geschichte des Kryptomarktes führte zu Abverkäufen von rund 20 Mrd. US-Dollar. Insgesamt gilt: Institutionalisierung glättet den Markt im Normalbetrieb, eliminiert aber keine Stressphasen.

Inwiefern ist das Schweizer Crypto Valley derzeit noch innovativ – entstehen neue Impulse, oder ruht man sich auf früheren Erfolgen aus?

Das Schweizer Crypto Valley ist heute weniger laut, aber deutlich professioneller als in den Anfangsjahren. Früher bedeutete Innovation oft, neue Tokens und Geschäftsmodelle zu lancieren. Heute entsteht Innovation dort, wo nachhaltige Wertschöpfung entsteht: bei Verwahrung, Compliance, Tokenisierung realer Vermögenswerte, Infrastruktur und der Integration in bestehende Finanzsysteme. Das ist weniger flashy, aber nachhaltiger. Regulatorisch hat die Schweiz früh Pioniergeist gezeigt, was dem Standort international Glaubwürdigkeit verschafft hat. Inzwischen haben andere Länder aufgeholt, während wir in einzelnen Bereichen in eine wenig praxistaugliche Richtung reguliert haben. Die laufende Reform der Kryptoregulierung ist daher eine grosse Chance. Entscheidend wird sein, ob wir Innovation ermöglichen, ohne den Markt zu ersticken. Kurz: Die Grundlagen sind top, aber Weltklasse entsteht nur durch konsequente Execution.

Wie präsentiert sich der Krypto-Markt im restlichen Europa und in den USA im Vergleich zur Schweiz?

Europa hat mit MiCA erstmals regulatorische Klarheit geschaffen, was ein wichtiger Schritt ist. Das erleichtert institutionellen Akteuren den Einstieg. Gleichzeitig gibt es derzeit kein europäisches Land, in dem so viele Finanzinstitute konkrete Krypto-Angebote lanciert haben wie in der Schweiz. Europa holt hier nun auf, die Schweiz war früh und praxisnah unterwegs. Die USA spielen in einer anderen Liga. Der Markt ist grösser, kapitalstärker und aktuell politisch deutlich kryptofreundlicher aufgestellt. Die USA machen häufig zuerst und regulieren dann. Das ist nicht immer bequem, erlaubt aber schnelle Innovation und Skalierung. Entsprechend prägen grosse Player den Markt zunehmend, mit globaler Ausstrahlung.

Sie zählen zu den bekanntesten Krypto-Experten der Schweiz: Welche Schulungen bieten Sie dieses Jahr an, und woran arbeiten Sie aktuell sonst noch?

Im House of Satoshi bieten wir verschiedene praxisnahe Seminare für Private an, die wir laufend an aktuelle Themen anpassen, etwa zu Steuern und Krypto. In der Finanzindustrie ist der CCFE Krypto-Lehrgang weiterhin stark gefragt. Er vermittelt Mitarbeitenden aus der Finanzindustrie das notwendige Grundlagen- und Praxiswissen. Wir feierten letztes Jahr nicht nur das 5-jährige Jubiläum, sondern auch den 1‘000. Teilnehmenden. Zusätzlich habe ich an der HWZ den CAS Bitcoin Economy & Blockchain lanciert, der auf grosses Interesse gestossen ist. Die nächste Durchführung startet im April. Generell zeigt sich: Kontinuierliche Weiterbildung war selten so wichtig wie heute. Mit Themen wie AI, Blockchain und Krypto verändern sich Geschäftsmodelle und Anforderungen rasant.

Die Fragen stellte Thomas J. Caduff, CEO, Fundplat GmbH.

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Zur Person

Rino Borini ist Mitgründer des Beratungs- und Medien­hauses Scarossa. Das Unter­nehmen setzt den Fokus auf digi­tale Transfor­mation der Finanz­industrie sowie «Next Gene­ration Invest» und betreibt unter anderem die Anleger­plattform «10×10.ch» und die Veranstal­tungs­plattform «Finance 2.0». Rino Borini leitet den Certi­ficate of Advanced Studies (CAS) «Future Banking & Digital Transfor­mation» an der Hoch­schule Zürich und ist Verwal­tungs­rats­präsident beim Wealth-Tech Descartes Finance. Im Herbst 2020 und 2023 hat ihn das Wirtschafts­magazin «BILANZ» zu den «Digital Shapers 2020» bzw. «Digital Shapers 2023» gekürt, also den 100 wichtigsten Köpfen, die die Digi­tali­sierung im Land vorantreiben.