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«Das Interesse der Biotech-Investoren ist nachhaltig»

Dr. Daniel Koller
Dr. Daniel Koller
Head Investment Team
BB Biotech AG, Schaffhausen bbbiotech.ch

Herr Dr. Koller, mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist der Biotech­sektor ins Schein­werferlicht der Öffent­lichkeit und der breiten Investoren­gemeinde gerückt. Die Gesundheits­branche arbeitet intensiv an der Entwicklung von Lösungen wie zum Beispiel Impfungen. Wo stehen wir da aktuell?

Es wurden erste Ergeb­nisse zahl­reicher thera­peu­tischer Moda­li­täten zur Behandlung akuter Infek­tionen mit zumeist geringem medi­zi­nischem Nutzen vorge­stellt. Bei der Entwicklung vorbeu­gender Impf­stoffe wurden weitere Fort­schritte erzielt. Angeführt wird das Feld dabei von den mRNA-Vakzinen von Moderna und Pfizer/BioNTech und Astra­Zeneca’s auf einem genetisch verän­derten Schimpansen-Adeno­virus basierten Impf­stoff. Die Unter­nehmen führen umfassende klinische Studien durch, um die Wirksam­keit der Impf­stoffe in Form einer Risiko­minderung sympto­ma­tischer Infektionen geimpfter Studien­teil­nehmer gegen­über einer Placebo-Kontroll­gruppe zu über­prüfen. Moderna veröffent­lichte weitere Daten seiner klinischen Phase-I-Studie zu mRNA-1273. Je nach zeit­lichem Ablauf von Moderna’s Phase-III-Studie COVE zu mRNA-1273 als vorbeu­gendem Impf­stoff gegen SARS-CoV2 ist für den Produkt­kandi­daten eine Notfall­zu­lassung (EUA) vor Jahres­ende durchaus denkbar.

Sie sind ja in Moderna investiert…

Ja, seit 2018. Obwohl wir damals natürlich noch nichts von Covid-19 geahnt haben, erkannten wir vor einigen Jahren bereits das enorme Potenzial von mRNA-Vakzinen und haben an einer privaten Serie-G-Finan­zierung für Moderna teil­ge­nommen. Ausserdem inves­tieren wir seit vielen Jahren in andere Therapie­arten, die sich gegen entzünd­liche Signal­wege richten, so etwa durch Enga­gements in tonange­benden Unter­nehmen wie Incyte. Dem Potenzial von RNA-Thera­peutika tragen wir auch durch unsere lang­fris­tige Betei­ligung an Alnylam und Ionis Rechnung. Nicht investiert sind wir generell in grossen Pharma­unter­nehmen oder Pharma­konzernen mit riesigen Impf­stoffsparten. Ange­sichts der Unge­wissheit über die letzt­endliche Renta­bilität derar­tiger Investi­tionen und ihrer Auswir­kungen auf den Börsen­wert dieser Unter­nehmen bleiben wir zurück­haltend, wenn es darum geht, in grossem Stil einge­setzte konven­tio­nelle Arzneien und Techno­logien zu unter­stützen. Sie sind zwar erfolg­ver­sprechend, stellen aber keine bahn­bre­chenden Inves­titions­möglich­keiten dar.

In welchen Bereichen sehen Sie denn Investitions­möglich­keiten?

Ein Bereich, dem wir nach wie vor viel Aufmerksamkeit schenken, sind identi­fi­zierte Risiko­faktoren, die mit den zugrunde liegenden Gesund­heits­deter­mi­nanten einer ganzen Bevöl­kerung zusammen­hängen, zum Beispiel Adipo­sitas, Bluthoch­druck, Diabetes, Atem­wegs­erkran­kungen, die die gesund­heit­liche und wirt­schaft­liche Belastung durch Pandemien deutlich verschlimmern. Zudem achten wir weiterhin auf Anzeichen lang­fris­tiger Spät­folgen von Covid-19, welche die nega­tiven gesund­heit­lichen und wirt­schaft­lichen Auswir­kungen des Virus auf die Gesell­schaft verstärken und verlängern können.

Wird das Interesse der Inves­toren am Biotech­sektor auch in der Zeit nach Covid-19 anhalten, und was bedeutet das für Forschung und Entwicklung?

Wir gehen davon aus, dass dieses Interesse nachhaltig ist. Einer­seits erwarten wir, dass uns die Pandemie sicherlich noch einige Zeit beschäftigen wird, anderer­seits glauben wir, dass die Biotech­branche weiterhin eine zentrale Rolle im Bereich der inno­vativen Medi­ka­menten­ent­wicklung einnehmen wird. Wie sie es historisch schon getan hat. Aber auch auf Grund der Pandemie von neuen Ansätzen profi­tieren wird. Sei es von Prozess­opti­mierungen, schnellere klinische Studien, bis hin zur Akzeptanz von diagnos­tischen Tests, sei dies im Bereich von Covid-19 aber sicherlich auch zukünftig möglicher­weise durch eine höhere Akzeptanz von gene­tischen Tests, sei dies bei verschie­denen Erber­kran­kungen oder in der Onko­logie.

Wo haben Sie konkret Investments getätigt?

Wir erweiterten das Portfolio im 3. Quartal um Relay Thera­peutics nach erfolg­reicher Parti­zipation an dessen Börsen­gang. Das Unter­nehmen stellt die Bewegung von Proteinen in den Mittel­punkt des Prozesses der Wirk­stoff­entdeckung, um lebens­verän­dernde Therapien zu entwickeln. Sein Ansatz kombiniert wichtige techno­logische Fort­schritte biophysi­ka­lischer Expe­rimente und computer­gestützter Chemie in einer integrierten Platt­form, die eine effektive ratio­nelle Wirk­stoff­entdeckung der nächsten Gene­ration ermöglicht.

Abgesehen vom dominierenden Thema Covid-19, gab es noch anderen Newsflow?

Unternehmen wie Intra-Cellular (Lumate­perone) und Myovant (Relu­golix) präsen­tierten posi­tive Ergeb­nisse aus ihren klinischen Studien oder gaben Produkt­zulassungen bekannt (Incyte/Monjuvi). Für den Rest des Jahres erwarten wir wichtige Daten und Ergeb­nisse unserer Port­folio­unter­nehmen, unter anderem von Moderna (mRNA-1273), Scholar Rock (SRK-015) sowie die Zulassung für drei Wirk­stoffe: Relu­golix von Myovant zur Behandlung von fort­geschrit­tenem Prostata­krebs; Luma­siran von Alnylam bei primärer Hyper­oxalurie Typ 1; und Marge­tuximab von Macro­genics als Therapie für Patien­tinnen mit HER2-posi­tivem metasta­siertem Brustkrebs.

Nach einer sehr ruhigen ersten Jahres­hälfte 2020 nahmen die Über­nahme­akti­vitäten im 3. Quartal mit der Ankündigung grösserer Transaktionen zu…

Ja. Gilead legte ein Angebot für Immuno­medics in Höhe von 21 Mrd. US-Dollar vor, Sanofi unter­breitete Principia ein Über­nahme­angebot im Umfang von 3.7 Mrd. US-Dollar und Johnson & Johnson bot 6.5 Mrd. US-Dollar für Momenta. Leider zählte keiner dieser Über­nahme­kandi­daten zu unseren Port­folio­unter­nehmen. Dafür unter­stützen wir jedoch Ionis in seiner Entscheidung, seine börsen­notierte gewerb­liche Tochter­gesell­schaft Akcea Thera­peutics voll­ständig zu integrieren und sämt­liche ausste­henden Aktien der Tochter zu erwerben. Zu Beginn des 4. Quartals konnten wir dann auch von einer Über­nahme profi­tieren: Bristol-Myers Squibbs unter­brei­tete Myokardia eine Offerte in Höhe von 13 Mrd. US-Dollar.

Link zum Disclaimer

Interview: Thomas J. Caduff

Zur Person

Dr. Daniel Koller trat 2004 bei Bellevue Asset Mana­gement ein und ist als Senior Port­folio Manager im Bereich Biotech­no­logie mit Spezial­gebiet Herz-Kreis­lauf-Krank­heiten tätig. Seit 2010 ist er Head Mana­gement Team der börsen­kotierten Betei­ligungs­gesell­schaft BB Biotech AG. Vor seinem Eintritt bei Bellevue Asset Mana­gement war er während vier Jahren in der Finanz­industrie tätig, zuerst in der Funktion als Aktien­ana­lyst bei UBS Warburg, danach als Private-Equity-Investor bei equity4life. Daniel Koller studierte Biochemie an der ETH Zürich und dokto­rierte im Bereich Biotechno­logie während seiner Tätigkeit bei Cytos Biotech­no­logy.