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«Ich würde in China investieren»

Daryl Liew
Daryl Liew
CIO
Reyl Singapore Pte. Ltd., Singapur reyl.sg

Herr Liew, die Wirtschaft Chinas und der USA durch­laufen derzeit eine unter­schied­liche Entwicklung. Worauf ist dies zurück­zuführen?

Chinas steht im Wirt­schafts­zyklus an einem anderen Punkt als die USA. Während es in den USA um Inflation und Zinsen sowie einen stärkeren US-Dollar geht, steht in China das Wachstum im Vorder­grund. China wird dieses Jahr stärker als die USA wachsen. In einzelnen Ländern Asiens sind Inflation und steigende Zinsen ebenfalls ein Thema geworden. Der Schulden­dienst ist teurer geworden. Sri Lanka ist das erste Schwellen­land, das Konkurs gegangen ist.

Die wirtschaftlichen Konsequenzen des Kriegs in der Ukraine sind inzwischen weltweit zu spüren. Wie zeigen sie sich in Asien?

Zum einen gibt es Folgen, die alle Länder betreffen, wie die steigenden Roh­stoff­preise. Aus asia­tischer Perspek­tive ist fest­zustellen, dass die Bindungen insbe­son­dere China und Indiens zu Russland enger geworden sind. Indien ist seit Jahr­zehnten ein guter Abnehmer russischer Produkte und profitiert nun wie China von der Möglichkeit, Erdöl günstig kaufen zu können. In poli­tischer Hinsicht ist China vom Westen kritisiert worden, dass es nicht deutlicher gegen Russland Stellung genommen hat. Doch in Asien gibt es wenig anti-russische Einstellung. Ich würde die Haltung als neutral bezeichnen.

Ist die Gefahr gestiegen, dass China mit der Einver­leibung Taiwans ernst macht?

Das wird meines Erachtens nicht geschehen - gerade wegen des Ukraine­krieges. China sieht, wie entschlossen der Westen mit Wirt­schafts­sanktionen auf die Invasion durch Russland reagiert hat. Die Wirt­schaft in China würde unter einem Krieg sehr leiden, denn die west­lichen Länder sind die wichtigsten Kunden. Zudem produziert Taiwan über die Hälfte der Halb­leiter welt­weit. Da hätte die Bombar­dierung von Fabriken grosse Auswir­kungen auf die Wirt­schaft welt­weit. Dasselbe gilt für den Finanz­sektor. China ist welt­weit in die Finanz­märkte einge­bunden. Auch aus mili­tä­rischer Sicht ist kaum mit einer Invasion zu rechnen. Im Gegen­satz zur Ukraine ist Taiwan eine Insel, die schwer anzu­greifen ist. Zudem hat China keine grosse Erfahrung, was Kriegs­führung betrifft. Auch ist ihre Armee weniger gut aufge­stellt als die von Russland.

Wie hat sich die Rolle Hongkongs entwickelt?

China hat es zwar geschafft, die Oppo­sition zum Schweigen zu bringen und demo­kra­tische Bemühungen nieder­geschlagen. Hongkong ist aber immer noch das wichtigste Finanz­zentrum Asiens und für Chinesen das Offshore-Zentrum erster Wahl. Für das Investment Banking gilt das Gleiche: Wer in China Geschäfte machen will, kommt um eine Präsenz in Honkong nicht herum. Für die Expats ist das Leben aufgrund der harten Corona-Reise­regeln mühsamer geworden, weil sie bei der Einreise in die Quaran­täne müssen. Das schreckt viele ab. Einige ziehen jetzt nach Singapur. Das hat zu einer langen Warte­liste bei inter­natio­nalen Schulen geführt.

Wie geht Asien mit Krypto­währungen um?

Die Regulierungs­behörden sind generell strikter als in Europa. In Singapur beispiels­weise ist jegliche Werbung für Krypto­währungen verboten, sei es im Fern­sehen oder anderen Medien. Der Grund liegt nicht in einem einzelnen Auslöser, beispiels­weise ein Debakel mit einer Krypto­währung. Viel­mehr, weil diese Währungen populär wurden, aber kleinere Anleger über wenig Fach­wissen verfügen. Das Werbe­verbot richtet sich deshalb nicht an die profes­sio­nellen Anleger, sondern dem Schutz der nicht-profes­sio­nellen Anleger. Krypto­währungen sind nicht verboten.

Angenommen ich hätte 100.000 US-Dollar zur Verfügung. Wo in Asien soll ich investieren?

In China. Das Land hat wirtschaftlich gesehen zwei schlechte Jahre hinter sich und bietet wirt­schafts­freund­liche Rahmen­bedin­gungen. Zudem hat der chine­sische Aktien­markt 2021 under­performt. 2022 hat er sich besser entwickelt als die USA. Ich erwarte Steige­rungen sowohl bei Aktien als auch Anleihen. Aus einer Risiko-Ertrags-Perspek­tive sind Wert­schriften in China sehr attraktiv.

Link zum Disclaimer

Interview: Thomas J. Caduff

Zur Person

Daryl Liew ist Chief Investment Officer (CIO) für Reyl Singapore. Er ist an der Asset-Allo­kation beteiligt und hat ferner eine Aufsichts­funktion, um sicher­zu­stellen, dass die Anlage­ent­schei­dungen den Erwar­tungen der Kunden entsprechen. Von 2002 bis 2010 arbei­tete er bei Providend Ltd in Singapur und war zuletzt in der General­direktion für die Investments verant­wortlich. In dieser Eigen­schaft war er auch Mitglied des Inves­titions­aus­schusses des Unter­nehmens und verwal­tete sowohl die Port­folios von Providend als auch Kunden­konten. Er geniesst allge­meine Anerkennung und gehört zu den Verfassern des «Singapore Master Financial Planning Guide». Aus seiner Feder stammen ferner zahl­reiche Artikel über die Grund­lagen und Trends im Invest­ment­sektor. Daryl Liew besitzt einen Master in Business Mana­gement, Fach­gebiet Finanz­wesen, des Asia Insti­tute of Mana­gement (Philippinen, 2002). Er verfügt ferner über eine Zulassung als CFA (2005).