Fundplat > Roundtables > Von ausgewiesenen Experten zu süssem Genuss - ein kollegialer Verwöhnmoment nach unserem KI-Gespräch

11. «Experten-Roundtable», Frankfurt, 27.01.2026

Fotos: Fundplat

Von ausgewiesenen Experten zu süssem Genuss - ein kollegialer Verwöhnmoment nach unserem KI-Gespräch

Dienstagmorgen, 27. Januar 2026 – zwei wunderbare Stunden auf dem Finanzplatz Frankfurt. Ich hatte die Freude, (alphabetisch) Markus Hill, MH Services, Frankfurt; Islamdin (Eazy) Tajamow, IFS, Düsseldorf, und Carsten Vennemann, alpha beta asset management gmbh, Frankfurt, zum 11. Fundplat «Experten-Roundtable» begrüssen zu dürfen.

Markus hatte frühzeitig eine gemütliche Sitzecke im legendären, 1919 gegründeten Café Laumer an der Bockenheimer Landstrasse 67 reserviert – eine kluge Idee, denn um 9:30 Uhr war es bereits gut besucht. Wir tauchten ein in die vielfältigen Facetten der Künstlichen Intelligenz – tiefgründig, spannend und überraschend breit.

Nach unserem intensiven Austausch machten wir uns zu viert auf den Weg zur Tortentheke und gönnten uns etwas köstliches Süsses, das uns innerhalb weniger Minuten von einer überaus freundlichen Bedienung serviert wurde. Hergestellt wird es frisch im Untergeschoss – und das schmeckt man! Alle waren sich einig: himmlisch.

Um 11:30 Uhr trennten sich unsere Wege, jeder ging seiner Richtung nach. Es war ein Vormittag voller Wissen, Inspiration und kollegialem Austausch – ein herzliches Dankeschön an alle Beteiligten für die aktive Teilnahme! Thomas J. Caduff, CEO, Fundplat GmbH

• Caduff: Herzlich willkommen in der Runde! Robotaxis fahren autonom und Raketen bringen Touristen ins All – doch Privatanleger kaufen Wertpapiere oft noch aus dem Bauch heraus. Wie passt das zusammen, wo doch überall von KI die Rede ist?

Tajamow: Der Widerspruch ist kleiner als er wirkt. Ich nutze täglich fünf verschie­dene KI-Tools für meine Investments und meine Arbeit. Morgens liefert mir Perplexity über WhatsApp kuratierte News zu meinen Top-5-Positionen. Ein 20-minütiges Youtube-Börsen­video lasse ich von Gemini in zwei Minuten zusammen­fassen. Earnings Calls und FED-Sitzungen analysiere ich mit ChatGPT in Minuten statt Stunden. Als Venezuela in den Schlag­zeilen war, hatte ich innerhalb von 15 Minuten eine Investment-These für Chevron, Halliburton und Schlumberger, die sind seit 2. Januar 2026 teilweise über 25 Prozent gestiegen sind. Die Revolution ist nicht, dass KI für uns investiert, sondern dass sie uns ermöglicht, informierter zu investieren. Der Bauch bleibt, aber er ist jetzt besser gefüttert.

Vennemann: Das passt eigentlich gut zusammen, denn beim Geld hört der Spass auf. Im Robotaxi sitzt man als Passagier, beim eigenen Vermögen sitzt man am Steuer. Und da fällt es vielen schwer, die Kontrolle abzugeben. Bauchentschei­dungen fühlen sich richtig an. Behavioral Finance nennt das «over­confidence bias». Die meisten Anleger überschätzen ihre Fähigkeiten. Wir bei alpha beta asset management haben das früh erkannt. Deshalb arbeiten wir seit Jahren mit einem systema­tischen, regel­basierten Investment­prozess. Nicht weil wir der menschlichen Urteils­kraft misstrauen, sondern weil wir wissen, dass Emotionen wie Gier und Panik die grössten Feinde des Anlage­erfolgs sind. Letztendlich ist es eine Frage des Kundentypus. Institutionelle Kunden verlangen grundsätzlich nachprüfbare und stabile Entscheidungsprozesse – da kommt man an der KI zukünftig nicht mehr vorbei. In der Vermögens­verwaltung ist unseren Kunden der persönliche Ansprechpartner unverzichtbar. Privat­kunden gewichten diesen Faktor höher als einen Effizienzgewinn durch eine «Maschine».

Hill: Themen wie Investieren, Geld und Vermögen sind immer noch ein sehr emotional geprägt. In der Regel will man dies nicht einer «Blackbox» anvertrauen. Der Erfolg der Dienstleistungen wie Family Office und Vermögensverwaltung lässt sich in grossen Teilen dadurch erklären: Menschen vertrauen in erster Linie anderen Menschen. Es ist bezeichnend, dass die KI im Bereich Asset Management bis heute nicht bewiesen hat, dass sie auf Knopfdruck bessere Ergebnisse liefert als jeder «menschlich-gelesene» Fondsmanager.

• Caduff: Vergleicht man Ende 2025 die Marktprognosen renommierter Finanzhäuser vom Jahresanfang, wirkt der Zufallsfaktor oft erschreckend gross. Trauen Sie KI künftig deutlich bessere Prognosen zu?

Vennemann: Ehrlich gesagt: Nein, und das ist auch gar nicht der Punkt. Punktprognosen sind und bleiben schwierig und sind auch sekundär. Das liegt nicht an mangelnder Intelligenz, sondern an der Natur der Märkte. Was KI aber kann: Schneller und emotionsloser auf Veränderungen reagieren. Sie erkennt Muster in Datenmengen, die kein Mensch überblicken kann. Und sie hält sich an Regeln, auch wenn es wehtut. Bei uns geht es deshalb weniger um bessere Prognosen als um eine kundenindividuelle Strategie sowie ein optimales Risikomanagement. Unser systematischer Ansatz steuert das Risiko aktiv, nicht basierend auf Prognosen, sondern unter anderem auf Basis des jeweiligen Kundenprofils sowie von Marktindikatoren unserer Kapitalmarktanalyse.

Hill: Volkwirte und Finanzanalysten, auch Professoren und Think Tanks, sind bekannt für ihre punktgenauen Voraussagen, richtig? Spass beiseite: Alle Voraussagen beruhen in der Regel auf der Analyse vergangener Daten und auch oft der Berücksichtigung aktueller Daten – ein natürliches Manko. Vollkommene Voraussicht gibt es bekanntlich nicht, auch in der VWL hat man zum Beispiel das Element «ceteris paribus». Die KI ermöglicht hier bestimmt noch das Arbeiten mit neuen, besseren und schnelleren Tools zur Generierung und Verarbeitung von Wirtschaftsdaten. Das Portfolio Management und auch Volkswirte können hier sozusagen beim Fundament noch Optimierungspotenziale für die Güte der eigenen «Voraussagen» heben. KI & Demut stellen aber auch hier ein gutes Paar dar.

Tajamow: Bessere Prognosen? Kurzfristig ja, langfristig nein. KI kann heute schon Muster in Datenmengen erkennen, die kein Mensch überblickt – Sentiment, Orderflow, Insider-Aktivitäten. Das wird besser werden. Aber die Ereignisse, die Märkte wirklich bewegen – ein Krieg, eine Pandemie, ein Tweet – sind nicht in den historischen Daten. Kein Algorithmus hat COVID vorhergesagt. Und wenn alle dieselbe KI nutzen, arbitriert sich der Vorteil weg. Mein Venezuela-Beispiel war keine Prognose. Das war Reaktionsgeschwindigkeit. Ich habe nicht vorhergesagt, dass es eskaliert – aber als es passierte, hatte ich in 15 Minuten eine These. Das ist der echte Hebel: nicht Hellsehen, sondern schneller verstehen.

• Caduff: Zum Schluss noch persönlich: Wie setzen Sie KI heute konkret ein – beruflich und privat?

Hill: Ich finde Tools wie ChatGPT interessant beim Sammeln von Informationen, auch beim Generieren von Ideen. Natürlich ist das auch übertragbar auf andere Tools. Kernproblem scheint mir heute der Bereich Information Overflow zu sein – wie schaffe ich es, die Menge an Information noch sinnvoll zu filtern? Wissen ist fast eine «Commodity» geworden, zumindest was die im Netz offiziell verfügbaren Informationen betrifft. Die Kunst scheint für die Zukunft darin zu bestehen, sich bezüglich der KI und deren Möglichkeiten auf eine angenehme Weise auf dem Laufenden zu halten. Solche Gespräche wie dieses Gespräch hier in Frankfurt führen dazu, dass man die Themen mit einem vertieften Interesse verfolgt.

Tajamow: Privat für meine Weiterbildung und Investments wie News, Analysen, Video-Zusammenfassungen. Beruflich arbeite ich im Enterprise-Software-Vertrieb. Da hilft mir KI bei der Kundenrecherche, beim Sales Coaching und Schreiben von Texten. Und ich habe mir ein System mit AI Agents aufgebaut, das über LinkedIn automatisiert die richtigen Interessenten identifiziert und anspricht – mit 22 Prozent Response Rate (Kaltakquise), fünf- bis siebenmal so hoch wie der Branchendurchschnitt. Das gleiche Prinzip nutzen meine Frau und ich für unsere Recruiting-Agentur, die wir vor einem Monat gegründet haben. Ergebnis: zwölf qualifizierte Kandidaten in vier Wochen für eine einzige Position. Das Prinzip ist immer gleich: KI für die Skalierung, Mensch für die Beziehung.

Vennemann: KI ist eine Revolution und erleichtert den Alltag. Beruflich ist KI bei uns ein wertvolles Tool, allerdings mit klaren Grenzen. Als regulierter Vermögensverwalter achten wir sehr genau auf den Schutz der Kundendaten. Aber bei der Analyse von Marktdaten, bei der Mustererkennung in grossen Datenmengen und der Erstellung von allgemeinen Reports unterstützt sie uns enorm. Grossen Nutzen sehe ich auch im administrativen Bereich, beispielsweise bei der Vorbereitung von Vertrags- oder Compliance-Dokumenten. Die Kombination von KI und menschlichen Fähigkeiten, insbesondere den «social skills», wird der Königsweg sein. Die künftige Rolle von KI bei Anlageentscheidungen wird noch zu definieren sein: Kundenwünsche beim Entscheidungsprozess (Kunden­emotionen) versus verbesserte, effizientere Entscheidungsprozesse (fortlaufendes Lernen). Risiken sehe ich in der Uniformität von Positionierungen. Privat nutze ich ChatGPT regelmässig für Recherchen, als Sparringspartner, manchmal auch einfach aus Neugier. Sogar für meine Leidenschaft Rennradfahren ist KI nützlich: Trainingsplanung, Ernährungstipps etc. Die Financial Times schrieb vor ein paar Tagen, dass die KI mittlerweile auch bei psychologischen Fragen hilft. Ja, das ist vielleicht effizienter, aber das persönliche Gespräch zur Lösung zwischenmenschlicher Probleme wird auch in Zukunft unverzichtbar bleiben.

Teilnehmende

Moderator